Duale Schweizer Berufsbildung als Erfolgsmodell

Duale Schweizer Berufsbildung als Erfolgsmodell

von Dr. iur. Marianne Wüthrich, Zürich

Den Bürgern, Behörden und Unternehmern, denen eine gute Ausbildung ihrer Jugend am Herzen liegt, sei empfohlen, das duale Berufsbildungssystem ins Auge zu fassen, das in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit Jahrzehnten als eigentliches Erfolgsmodell bezeichnet werden kann. Nicht nur ist die duale Berufsbildung Hauptursache einer wesentlich geringeren Jugendarbeitslosigkeit als in anderen Ländern, sondern sie bewirkt auch eine Fülle weiterer positiver Folgen.
In der Schweiz absolvieren über 70 Prozent der 15- bis 20jährigen eine duale Berufslehre. Für die jungen Menschen bedeutet das, dass sie in der schwierigen Lebensphase des Erwachsenwerdens im beruflichen Bereich Boden unter den Füssen haben. Sie haben im Lehrbetrieb ihren Platz, werden dort fachlich und menschlich von ihrem Lehrmeister angeleitet und ins Berufsleben eingeführt und machen die Erfahrung, dass sie von Bedeutung sind, dass sie einen Beitrag zum Wirtschaftsleben leisten können. Das stärkt das Selbstwertgefühl der Jugendlichen in grossem Masse, die meisten Lehrlinge sind stolz auf ihre Arbeit und identifizieren sich mit ihrem Lehrbetrieb. Gleichzeitig sind sie ein bis zwei Tage pro Woche im Klassenverband der Berufsschule eingebunden und werden dort von ihren Lehrern in berufskundlichen und allgemeinbildenden Fächern ausgebildet. Nach dem Abschluss ihrer 3- bis 4jährigen Berufslehre sind sie beruflich und schulisch gut ausgebildete Berufsleute, die in ihrer grossen Mehrzahl fähig sind, ihren Platz als eigenständige Persönlichkeiten in Beruf und Familie, in ihrer Gemeinde und als Staatsbürger verantwortungsvoll einzunehmen.
Es ist an der Zeit, dass die jungen Menschen in anderen Ländern nicht länger im Stich gelassen werden. Ein hoher Prozentsatz von Gymnasiasten und Hochschulabsolventen, wie es vielerorts angestrebt wird, ist noch kein Ausweis für ein gutes Bildungssystem. Wesentlich ist, dass die jungen Menschen nach ihrer Ausbildung fähig sind, ihren Platz in der Arbeitswelt einzunehmen. Eine grosse Mehrheit der Jugendlichen in allen Ländern zeigen sich als durchaus konstruktiv und sind dazu fähig, mit Hilfe der Anleitung durch erfahrene Berufsleute ihren Platz in der Arbeitswelt aufzubauen. Bisher wurde aber in vielen Ländern nichts getan zur Änderung des untauglichen Systems – das dürfen wir nicht so stehen lassen.

Im Mai dieses Jahres gab die OECD in einer Studie bekannt, dass die Arbeitslosenquote für junge Menschen in Folge der Wirtschaftskrise stark gestiegen sei. Von 2008 bis 2010 nahm die Jugendarbeitslosigkeit in den OECD-Ländern durchschnittlich um 6% zu. 18,5% aller arbeitsfähigen Jugendlichen waren 2010 ohne Arbeit, mit Berücksichtigung der Dunkelziffer (nicht gemeldete Schulabgänger) sind es noch deutlich mehr.

Tiefe Jugendarbeitslosigkeit dank dualer Berufsbildung

In keinem europäischen Land ist die Jugendarbeitslosigkeit so niedrig wie in der Schweiz: Im Januar 2010, auf dem Höhepunkt der Krise im Schweizer Arbeitsmarkt, hatten 5,4% der 15- bis 24jährigen keine Stelle. Rund drei Viertel der arbeitslosen Jugendlichen fanden trotz der wirtschaftlich schwierigen Zeit innerhalb von einem halben Jahr einen Arbeitsplatz. Im Frühjahr 2011 betrug die Jugendarbeitslosigkeit nur noch 3%, damit lag sie sogar noch unter dem nationalen Durchschnitt aller Altersgruppen.
Der Grund für diese erfreuliche Situation liegt in der besonderen Ausgestaltung des schweizerischen Berufsbildungssystems: Es wird von allen Akteuren gemeinsam getragen: den Unternehmungen und Berufsfachschulen, den Berufsverbänden und Gewerkschaften, dem Bund, den Kantonen sowie den Berufsberatungsstellen. Das Kernstück der Berufsausbildung ist die praktische Ausbildung in einem Betrieb, wo der Lehrling mit einem speziellen Arbeitsvertrag, dem Lehrvertrag, angestellt ist und vom ersten Tag an in der realen Arbeitswelt mitwirkt. Die folgenden Angaben finden Sie in «Fakten und Zahlen. Berufsbildung in der Schweiz. 2011», herausgegeben vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT (www.admin.ch)

Duales System

Die Ausbildung in Betrieb und Berufsfachschule ist die überwiegende Form der Berufsbildung. Rund 230 Lehrberufe stehen zur Wahl. Lehrdauer 3–4 Jahre, für einfachere Berufe 2 Jahre. Die Lehrlinge sind 1–2 Tage pro Woche in der Berufsschule, 3–4 Tage im Betrieb. Daneben gibt es auch Vollzeitangebote wie Handelsschulen oder Lehrwerkstätten.
«Die klassische berufliche Grundbildung (Lehre) findet in einem Betrieb statt, wo die Lernenden die berufspraktischen Fähigkeiten vermittelt erhalten.» Kleinere Betriebe (KMU) tun sich oft zu einem Lehrbetriebsverbund zusammen und bieten gemeinsam einen oder mehrere Ausbildungsplätze an. Auch kleine Betriebe, z.B. Handwerksbetriebe mit 1–3 Mitarbeitern, bilden oft einen Lehrling aus. Um ausbilden zu dürfen, muss der Chef im Lehrbetrieb selbst über die entsprechende Ausbildung verfügen und einen Ausbildnerkurs besucht haben. Die Lehrlinge bekommen vom Betrieb einen Lohn, der je nach Beruf 300–1000 Franken im Monat beträgt. Der Lohn ist relativ niedrig, weil der Betrieb anfangs noch nicht viel vom Lehrling profitiert, sondern Zeit investieren muss, um ihm die praktischen Berufskenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln. Diese sind für jeden Beruf genau festgelegt, die Betriebe stehen dabei unter der Aufsicht der kantonalen Berufsbildungsämter.
1 bis 2 Tage pro Woche besuchen die Lehrlinge eine Berufsfachschule, wo sie beruflichen und allgemeinbildenden Unterricht erhalten. («Fakten und Zahlen», S. 8) Eine enge Zusammenarbeit zwischen Berufsschule und Lehrmeister bietet die beste Gewähr, dass ein Jugendlicher seinen Lehrabschluss erreicht – sofern er seinen Einsatz leistet, was in der Mehrzahl der Fall ist.

Überbetriebliche Kurse

Für das berufliche Fortkommen der Lehrlinge ist es von grosser Bedeutung, dass die Berufslehren feinmaschig auf die Situation in den Betrieben angepasst sind. Oder anders gesagt: Die Lehrlinge lernen in der Berufsschule den Schulstoff, den sie im Lehrbetrieb brauchen, um zum Lehrabschluss zu kommen. Was die Schule und der einzelne Lehrbetrieb fachlich nicht anbieten können, lernen die Lehrlinge in brancheneigenen Lernzentren (meist 2–3 Wochen pro Jahr).

Berufslehre als Königsweg

Rund zwei Drittel der Schulabgänger absolvieren in der Schweiz eine Berufslehre. Anders als in anderen Staaten ist ein Lehrling in der Schweiz ebenso geachtet wie ein Student. Viele tüchtige und begabte Jugendliche ziehen es nach der obligatorischen Schulzeit vor, erst einmal ins volle Berufsleben hinauszugehen und dort ihren Mann oder ihre Frau zu stehen. Jeder 16jährige Lehrling, der die ersten Monate im Berufsleben erfolgreich meistert, macht einen Reifesprung in seiner persönlichen Entwicklung. Die Anforderungen und Aufgaben, die ihm im Betrieb gestellt werden, sind reales Leben – und nicht, wie in schulischen Ausbildungssituationen, künstlich geschaffen. In der heutigen Zeit fühlen sich manche Jugendliche das erste Mal in ihrem Leben wirklich gebraucht, wenn sie mit einer Berufslehre anfangen, weil bis zu diesem Zeitpunkt nie Anforderungen an sie gestellt wurden. Die praktische Lebenserfahrung und die Fähigkeit, den Berufsalltag zu meistern und dabei finanziell teilweise für sich selbst aufzukommen, haben die Lehrlinge den Gymnasiasten voraus. Als Berufsschullehrerin staune ich immer wieder über den Ernst und den Stolz, den meine 16jährigen Schüler in bezug auf ihren Lehrberuf zeigen. Als ich selbst 16 war, sass ich in der Schulbank und bekam wenig Einführung in die Bewältigung des Alltags. Nach dem Hochschulabschluss musste ich meinen Beruf zuerst noch lernen.

Lehrstellensuche während der Volksschulzeit

In den letzten 2 Jahren der obligatorischen Volksschule nehmen die Berufswahl und die Lehrstellensuche einen wichtigen Platz ein.Die Schüler schreiben Bewerbungen an mögliche Ausbildungsbetriebe, machen Schnupperlehren (das heisst, sie machen mehrtägige Praktika in verschiedenen Betrieben, damit Lehrling und Betrieb sich gegenseitig testen können auf Eignung und Neigung). Die Oberstufenlehrer begleiten ihre Schüler und sind darum bemüht, dass alle einen ihnen entsprechenden Ausbildungsplatz finden.

Auffangmassnahmen

Wer nach der obligatorischen Volksschulzeit keinen Platz in der Berufswelt oder in einer weiterführenden Schule gefunden hat, landet in der Schweiz nicht auf der Strasse. Für solche Jugendliche gibt es das 10. Schuljahr – das Werkjahr, wo sie fürs Berufsleben vorbereitet werden und ihren schulischen Rucksack weiter füllen können –, Berufsberatung und Hilfe bei der Lehrstellensuche. Voraussetzung für das Gelingen der Bemühungen ist selbstverständlich, dass die Jugendlichen eine Ausbildung machen wollen und persönlichen Einsatz zeigen. Leider gibt es seit einigen Jahren immer mehr junge Leute, denen das Arbeiten zu anstrengend ist und die lieber herumhängen und Sozialgelder beziehen wollen. Der überwältigende Teil der Jugend ist aber konstruktiv, leistungsfähig und -willig.

Abschlussquote 90%

90% der Jugendlichen in der Schweiz verfügen über einen Abschluss auf Sekundarstufe II. («Fakten und Zahlen», S. 14) Dieser hohe Anteil ist damit zu erklären, dass alle Kräfte im Land zusammenspannen, um der Jugend eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Dies wird im folgenden genauer erläutert.
Ebenbürtigkeit von Berufslehre und Hochschulstudium: Manche Berufslehren stellen ebenso hohe intellektuelle Ansprüche wie der Besuch eines Gymnasiums. Für leistungsstarke und einsatzfreudige Lehrlinge stehen heute alle Wege offen: Während oder nach der Lehre kann die Berufsmaturität erworben werden, die den Weg zur Fachhochschule öffnet. Viele Lehrlinge planen schon zu Beginn der Lehre ihre schulische Weiterbildung. Die Berufslehre ist für sie ein sicheres Standbein, auf dem sie ihren weiteren beruflichen Weg aufbauen können. Mit der sogenannten Passerelle kann anschliessend sogar der Zugang zur Universität erworben werden. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Übergängen zwischen verschiedenen Schul- und Ausbildungsgängen.

Schweizer Unternehmungen tragen die duale Berufslehre voll mit

Der Erfolg des dualen Berufsbildungssystems steht und fällt mit der Bereitschaft der KMU sowie der Grossbetriebe, sich in der Lehrlingsausbildung zu engagieren und Lehrstellen anzubieten. In der Schweiz gelingt dies dank guter Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft und stetem Bemühen aller Beteiligten hervorragend. («Fakten und Zahlen», S. 6). Besonders die KMU (über 98% der Unternehmen) bilden einen zentralen Grundpfeiler der Berufsbildung: Fast jeder kleine Betrieb bildet einen oder mehrere Lehrlinge aus. Dies tut er nicht aus einem Kosten-Nutzen-Denken heraus, denn die Lehrlingslöhne sind in der Regel so angesetzt, dass der Lehrbetrieb, auf die ganze Lehrzeit gerechnet, höchstens einen kleinen Ertrag hat, muss er doch einen Teil der Schulkosten und der überbetrieblichen Kurse (ÜK) bezahlen. Gute Lehrlinge übernehmen die Betriebe natürlich gern in ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis, wenn sie es sich leisten können. Von einem gut ausgebildeten Mitarbeiter kann der Betrieb nur profitieren.
Dass es für die meisten Betriebe in der Schweiz selbstverständlich ist, ihren Teil zur Berufsbildung unserer Jugend beizutragen, ist vielmehr die Auswirkung des direktdemokratischen Schweizer Modells. Sie tun dies ebenso, wie sie in ihrer Gemeinde und in sozialen und kulturellen Einrichtungen sowie in Vereinen unentgeltliche Milizarbeit leisten. Besonders in den handwerklichen Berufen trägt die grosse Mehrzahl der Lehrmeister wesentlich zur Entwicklung ihrer Lehrlinge zu fähigen Berufsleuten bei, und manch einer diskutiert mit ihnen in den Arbeitspausen auch über die nächsten Volksabstimmungen. So beschäftigt der Lehrmeister eines meiner Berufsschüler in seinem Landwirtschaftsmaschinen-Unternehmen 4–5 ausgebildete Mitarbeiter, dazu einen Landwirtschaftsmaschinenmechaniker-Lehrling und einen Mechapraktiker-Lehrling, für deren berufliche Ausbildung und persönliche Entwicklung er viel Zeit und Engagement einsetzt.

Lehrmeisterausbildung

Wer Lehrlinge ausbilden will, benötigt eine berufliche und pädagogische Zusatzausbildung (Meisterlehre oder Fachhochschule plus Lehrmeisterkurse). Die Lehrbetriebe werden von kantonalen Berufsinspektoren regelmässig überprüft. Lehrmeister, denen die fachlichen oder persönlichen Fähigkeiten fehlen, müssen ersetzt werden.

Lehrstellenmarkt als Stütze des Wirtschaftsstandortes

Dass die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise die Schweiz nur wenig getroffen hat, liegt nicht zuletzt am fast krisenresistenten Schweizer Lehrstellenmarkt. Trotz angespannter Wirtschaftslage hat die Zahl der von den Unternehmen angebotenen Lehrstellen nur wenig abgenommen. Im August 2010 wurden von den KMU und den Grossbetrieben 90 000 neue Lehrstellen offeriert, dem standen 93 000 interessierte Jugendliche gegenüber. Das bedeutet, dass fast alle eine Stelle fanden, wobei eine Anzahl Lehrstellen jeweils auch unbesetzt bleibt, weil ihre Anforderungen nicht mit den Fähigkeiten der stellenlosen Jugendlichen übereinstimmen. In den letzten 10 Jahren wurde das Lehrstellenangebot um einen Viertel ausgeweitet. Das gut ausgebaute duale Lehrlingswesen mit seiner qualitativ guten Ausbildung gehört zu den Erfolgsrezepten der Schweiz.
Auch der Staat betätigt sich auf allen Ebenen als Lehrbetrieb. So hat die Stadt Zürich am 19. August 2011 eine Rekordzahl von 400 Jugendlichen begrüsst, die in der Verwaltung oder in den städtischen Betrieben (z.B. Spitäler, Kantinen, Verkehrsbetriebe) eine Berufslehre beginnen. Insgesamt bildet die Stadt Zürich zurzeit 1070 Lehrlinge in 38 verschiedenen Berufen aus. Im Laufe von zehn Jahren wurde das städtische Lehrstellenangebot auf Verlangen des Gemeindeparlamentes stark ausgebaut (verdreifacht), um auch von staatlicher Seite dem Lehrstellenmangel etwas entgegenzusetzen (vgl. «Neue Zürcher Zeitung» vom 20. August, «Willkommen auf der Bühne des Berufslebens»).     •

Beispiel einer kaufmännischen Berufslehre

mw. Regula ist 17 Jahre alt und im 2. Lehrjahr als kaufmännische Angestellte. Sie hat einen schriftlichen Lehrvertrag (das heisst einen Arbeitsvertrag mit besonderer Ausgestaltung für Auszubildende) mit der Schreinerei Eichenberger, einem Kleinunternehmen mit 20 Mitarbeitern. Der Lehrvertrag gilt für die dreijährige Dauer ihrer Berufslehre und kann nur aus besonderen Gründen vorher aufgelöst werden. Regula ist während der ganzen drei Jahre unter Anleitung ihrer Lehrmeisterin als produktive Arbeitskraft im Betrieb tätig und besucht ergänzend dazu die Berufsschule.
In der Administrationsabteilung der Schreinerei lernt Regula im Laufe der dreijährigen Lehre alle Arbeiten, die anfallen, selbständig auszuführen: Sie bedient Telefon, Fax und E-Mail-Verkehr in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch, sie nimmt Kundenzahlungen entgegen und verbucht sie, sie schreibt Mahnungen, sie bezahlt Lieferantenrechnungen, sie erledigt die anfallende Korrespondenz, sie ordnet die Dokumente und Unterlagen richtig ein, sie erledigt die eingehende und ausgehende Post (Briefe und Pakete), sie nimmt grössere Lieferungen entgegen, sie ist zuständig für den Bestand des Büromaterials und das Funktionieren der technischen Geräte, sie führt die Lohnkonten der Mitarbeiter und rechnet die Sozialversicherungsbeiträge ab. Im dritten Lehrjahr führt sie die gesamte Buchhaltung und Korrespondenz selbständig. In alle diese Arbeiten wird Regula von ihrer Lehrmeisterin eingeführt und von ihr angeleitet, anfangs wird jeder Arbeitsgang kontrolliert, später nur noch, wo nötig. Am Ende der dreijährigen Berufslehre ist Regula fähig, in ihrem Lehrbetrieb oder in einer anderen Unternehmung selbständig die Administration zu führen.
Wenn sie Freude daran hat, ihre Erfahrung und ihre Kenntnisse an junge Kollegen weiterzugeben, kann Regula nach einigen Jahren Berufserfahrung eine Lehrmeisterausbildung absolvieren und selbst Lehrlinge ausbilden.
Die kantonale Berufsfachschule besucht Regula neben der Arbeit in der Schreinerei zwei Jahre lang an 2 Tagen pro Woche, im dritten Jahr noch 1 Tag. In den Sprachfächern Deutsch, Französisch und Englisch sowie im Fach Informatik, Kommunikation und Administration (IKA) lernt sie, zugeschnitten auf den Betriebsalltag, wie sie Telefonate führen, Briefe schreiben und den Internet- und Mailverkehr bedienen muss, auch in den Fremdsprachen. Im Fach IKA lernt Regula auch, wie sie in Ordnern oder Dateien Ordnung halten muss. Im Fach Wirtschaft und Gesellschaft lernt Regula Betriebs- und Rechtskunde, Staats- und Volkswirtschaftslehre sowie das betriebliche Rechnungswesen kennen, so dass ihr auch inhaltlich alle Bereiche bekannt sind, mit denen sie zu tun haben könnte: Mietverträge für Büroräume, Kaufverträge, Arbeitsverträge mit Mitarbeitern, das Betreibungswesen, die Buchhaltung und der Zahlungsverkehr usw. Damit die Jugend auch körperlich fit und gesund bleibt, gehören zum Berufsschulunterricht auch 1–2 Sportlektionen pro Woche.
Da die kleineren Unternehmungen (KMU) nicht immer alle kaufmännischen Bereiche abdecken, die zu einer umfassenden Ausbildung gehören, organisieren die Branchenverbände während zwei bis drei Wochen pro Jahr überbetriebliche Kurse (ÜK), wo Regula die Berufskenntnisse üben kann, die sie für die Abschlussprüfung (Sekundarstufe II) braucht. So wird gewährleistet, dass alle Kaufleute mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis über dieselben Grundkenntnisse verfügen. In der Abschlussprüfung werden sowohl betriebliche als auch schulische Kenntnisse eingehend geprüft.

 

Grossbritannien will Lehrstellen nach Schweizer Vorbild

zf. Um die hohe Jugendarbeitslosigkeit in seinem Land zu bekämpfen, will der britische Premierminister David ­Cameron neue Lehrstellen nach Schweizer Vorbild schaffen. Bislang hatten Berufslehren in Grossbritannien wenig Ansehen. Die ausserordentlich hohe Arbeitslosigkeit bei Jungakademikern hat aber zu einem Umdenken geführt. Auch der grosse Andrang bei der Berufs-Weltmeisterschaft «WorldSkills», die dieses Jahr Anfang Oktober in London stattfand, gilt als Beleg dafür, dass sich immer mehr britische ­Jugendliche für eine Berufslehre interessieren. Premierminister Cameron will rund 250 000 neue Lehrstellen schaffen und dabei das Schweizer Lehrlingssystem zum Vorbild nehmen. ­Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes und ebenfalls Besucher der ­«WorldSkills», unterstützte die Pläne Camerons. Im Gegensatz zu Ländern mit akademischen Modellen hatte die Schweiz während der Finanzkrise die niedrigste Rate an Jugendarbeitslosigkeit.

Quelle: www.tageschau.sf.tv vom 8.10.2011

«Alle Hauptfaktoren unseres Reichtums – die hohe Produktivität, die hohe Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung und die internationale Konkurrenzfähigkeit mit hoher Exportkraft – hängen nämlich mit unserem Berufsbildungssystem zusammen. Unser System der praktisch ausgerichteten beruflichen Ausbildung ist der entscheidende historische Erfolgsfaktor, welcher die ‹Swissness›, die schweizerische Qualitätsarbeit, und die hohe Wertschöpfung der Wirtschaft ausmacht.» (S. 7)

Rudolf Strahm, H., «Warum wir so reich sind». Bern 2008. ISBN 978-3-03905-493-0 

«Die berufspraktische Ausrichtung der Grundbildung, das Dualsystem der Berufslehre mit der Kombination Betrieb/Schule dürfte man ohne Bescheidenheit als Vorbild und Schlüssel zur wirtschaftlichen Prosperität für alle Erwerbsfähigen, nicht nur für eine geschulte Elite, betrachten. Jedenfalls könnte sie als Erfolgsmethode gegen die massenhafte Jugendarbeitslosigkeit in manchen Ländern dienen.
Ich bin der Meinung, Teile des schweizerischen Berufsbildungssystems mit ihrer berufspraktischen Ausrichtung, mit der Berufslehre und der arbeitsmarkt­orientierten, betriebsnahen Arbeits­marktintegration hätten sehr wohl auch für die Entwicklungspolitik Vorbildcharakter. In Afrika gibt es Hunderttausende von Universitätsabgängern und -abgängerinnen, die zu nichts anderem als zu Administrationsstellen im aufgeblähten Staatsapparat befähigt werden. Und in Osteuropa und in Schwellenländern wie Indien gibt es viele gute Ingenieure und Ingenieurinnen, aber zuwenig berufspraktisch ausgebildete Fachleute. In allen diesen Ländern könnte ein praxisorientiertes Berufsbildungssystem einige wirtschaftspolitische Defizite beheben.» (S. 351)

Rudolf Strahm, H., «Warum wir so reich sind». Bern 2008. ISBN 978-3-03905-493-0

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