«Die Werte des Friedens stärken»

Rückblick auf ein Schulprojekt und eine Ausstellung zu Albert Schweitzers Ethik anlässlich «100 Jahre Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene, 1913–2013»

von Urs Knoblauch, Gymnasiallehrer und bildender Künstler, Fruthwilen TG

Albert Schweitzers Ethik und Wirken be­inhaltet gültige Werte der Menschlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit, des verantwortungsvollen Umgangs mit den Schätzen der Natur und eine Kultur des Friedens. Die Aufgaben unserer Zeit erfordern ein Nachdenken über die Grundlagen der christlich-abendländischen Kultur, den Reichtum unserer kulturellen Vielfalt und die tragenden Werte unseres Zusammenlebens. Die Menschen möchten in Gleichwertigkeit, in Frieden und im Sinne des Völkerrechts, der Uno-Charta und des Allgemeinwohls leben und ihren Beitrag leisten. In diesem Sinn ist auch der hier dargestellte Rückblick zu verstehen.

Beitragen zum Bonum commune

In meiner langjährigen, schönen und reichhaltigen Tätigkeit als Gymnasiallehrer und als bildender Künstler war es mir immer ein grosses Anliegen, die Werte des Friedens und der Humanität in meinen künstlerischen Arbeiten und im Rahmen des Lehrplans auch im Zeichen- und Kunstunterricht (Bildnerisches Gestalten) zu verankern. Dieses Wirken, im menschlichen Sinn, ist für einen Lehrer die schönste Aufgabe. Die Schule, die Schüler- und die Elternschaft schätzten dieses Engagement sehr.
In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass in der Schule wie auch im Kunstbetrieb wichtige kulturtragende Traditionen und Werthaltungen – Moral und Ethik –, also die Grundlagen der europäisch-christlichen Kultur und der Demokratie weggebrochen wurden. Vielen Vereinen und humanitären Hilfswerken fehlt der Nachwuchs. Das Vernunftdenken und die emotionale Intelligenz wurden zunehmend durch oberflächliche Unterhaltung, Propaganda und Konsum, Fun, Gewalt, Sexualisierung, Relativismus und postmoderne Beliebigkeit überdeckt. Dabei stehen gewaltige Aufgaben vor uns. Der Mensch war und ist zu ganz anderem fähig! Ein Umdenken und eine Neuorientierung in allen Belangen sind dringend nötig.
Unsere Schule wurde eine Unesco-­asso­ziierte Schule. Damit sollten Friedenserziehung, Ethikunterricht und die aufbauenden völkerverbindenden Ziele der Unesco im Erziehungs- und Bildungsbereich in unserem Schulprogramm gestärkt werden. Das Jubiläumsjahr zum 100jährigen Wirken von ­Albert Schweitzer in Lambarene wurde für die Schulen vorbereitet, um seine Gedanken der jungen Generation weiterzugeben. Denn es war leider so, dass kaum ein Schüler, der an unsere Schule kam, etwas von ­Albert ­Schweitzer oder von Henry Dunant gehört hatte.
Ich gestaltete an unserer Schule das Projekt «Jedem sein Lambarene». Es entstanden wunderschöne Zeichnungen, Bilder und farbige Linoldrucke. Die Schülerschaft erhielt dabei durch das gemeinsame Lesen von Texten Albert Schweitzers, einen älteren Dokumentarfilm, Fotografien und Gespräche einen guten Einblick in das Wirken des grossen Urwalddoktors. Im Ergänzungsfach Musik wurde von acht Schülern ein musikalisches Programm, «Bach meets Africa», zu Albert Schweitzer gestaltet und aufgeführt. Die dabei integrierten und vorgetragenen Zitate aus Albert Schweitzers Texten zeigten, wie gut die Schüler das Anliegen erfasst hatten. Einige seien deshalb hier erwähnt: «Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird», oder: «Anfang allen wertvollen geistigen Lebens ist der unerschrockene Glaube an die Wahrheit und das offene Bekenntnis zu ihr». Sehr treffend für unsere Zeit: «Der moderne Mensch wird in einem Tätigkeitstaumel gehalten, damit er nicht zum Nachdenken über den Sinn seines Lebens und der Welt kommt», oder: «Das Wichtigste im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen».
Eine beachtliche Spende für den «Schweizer Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene» konnte gesammelt und überwiesen werden.
In einem weiteren Schulprojekt, einem Schul- und Familienbuch mit dem Titel «Nahrung, Bildung und Gesundheit für alle», konnten allgemeinbildende und wichtige staatspolitische, volkswirtschaftliche und humanitäre Grundlagen der Uno-Charta, der Unesco, des Weltagrarberichts und zahlreicher Hilfswerke der Entwicklungszusammenarbeit von IKRK und Deza dargelegt und mit hundert Schülerarbeiten dokumentiert werden. Das Buch wurde zu einem wichtigen Bestandteil meiner Ausstellung und findet grosse Beachtung.

 Zur Kunstausstellung «Die Werte des Friedens stärken»

Meine künstlerische Tätigkeit steht im Zusammenhang mit meinem pädagogischen Wirken. In meinen Bildern suche ich eine Verbindung von Malerei, Fotografie und Text. Im Rahmen meines Kunstkonzepts GENAUER ERFASSEN und in meinen themen- und ortsbezogenen Arbeiten steht wertvolle Literatur, wie beispielsweise Gottfried Kellers «Grüner Heinrich», Meinrad Inglins «Schweizerspiegel» oder Schillers «Wilhelm Tell», im Zentrum. Vieles von diesem Kulturgut wird an den Schulen nicht mehr mit dem gebührenden Respekt und Gewicht gelehrt und droht so, in Vergessenheit zu geraten. Das darf nicht sein! Dank meiner kontinuierlichen pädagogischen und kulturhistorischen Weiterbildung konnte ich immer wieder wichtige Themen in die Diskussion einbringen und im Rahmen meiner kulturpublizistischen Arbeit und meiner Vortragskurse in der Volkshochschule an der Universität Zürich darlegen.
Im folgenden möchte ich einen Einblick in meine Ausstellung im Kantonsspital Frauenfeld geben. Sie wurde am 13. März im «St. Galler Tagblatt» und in der «Thurgauer Zeitung» unter dem Titel: «Interesse an der Welt ist wichtig» rezensiert. Bereits haben sich weitere Veranstalter für die Ausstellung interessiert.
Diese Ausstellung wurde zu einer meiner schönsten Erfahrungen. Es war für mich als Künstler eine grosse Freude zu erleben, wie sehr sich die Patienten, die Besucher, die Klinik-Mitarbeiter und die Leitung für meine lebensfrohen farbigen Blumenbilder und die Würdigung von Albert Schweitzers Werk interessierten. Grosses Interesse fanden auch die zahlreichen Bezüge zur Gegenwart, die einen Einblick in die heutige Entwicklungszusammenarbeit gewähren. Das Spital war der ideale Ort für diesen Anlass.
Im Zentrum der Ausstellung stand eine Bildergruppe und Installation zum Wirken Albert Schweitzers (1875–1965). «Ehrfurcht vor dem Leben» war seine Ethik. Sozialer Gerechtigkeit und dem Weltfrieden galt sein Einsatz. Nahrungsmittelsicherheit, sauberes Wasser, Hygiene und Bildung waren damals wie heute die existenziellen Zukunftsaufgaben der ganzen Menschheitsfamilie. «Ich glaube an die Zukunft dieser Zeit, aber wir müssen sie machen», ist Albert Schweitzers Credo. Als weitere «Werte des Friedens» wurden mit den Bildern Bezüge zur heutigen Entwicklungszusammenarbeit, «Hilfe zur Selbsthilfe», zum «Uno-Jahr der Genossenschaften» 2012 und zum Weltagrarbericht 2008 hergestellt. Sie verweisen auf die Bedeutung der gegenseitigen Hilfe, der Förderung lokaler, kleiner und mittlerer Landwirtschaftsbetriebe und die Stärkung des einheimischen Gewerbes.
Albert Schweizer hat in zahlreichen Appellen, Vorträge, Konferenzen und Schriften bis zu seinem Tod für den Frieden gewirkt. 1952 erhielt er den Friedensnobelpreis. Über 11 000 Wissenschafter aus 49 Ländern übergaben 1957 der Uno eine Petition gegen die Kriegs-Atombewaffnung. Mit dem Titel «Die Werte des Friedens stärken» wurde bewusst die Werte-Erziehung betont. Das Wort Frieden wird heute leider auch für sogenannte «militärische Friedenseinsätze» missbraucht. Frieden beinhaltet jedoch immerwährende Werte wie Ehrlichkeit, die Würde des Menschen, Gerechtigkeit, Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Respekt und Dankbarkeit – auch gegenüber den Leistungen unserer Vorfahren –, aufbauende Leistungsbereitschaft, die Grundhaltungen der christlich europäischen Kultur und die Stärkung des Gemeinwohls. Frieden bedeutete für Albert Schweitzer «Ehrfurcht vor dem Leben». In diesem Sinne verwirklichte der Theologe, der später noch Medizin studierte, seine praktische Seelsorge als Hilfe für Leib und Seele in Lambarene. Der Krieg ist die grösste Verletzung dieser Ethik! Albert Schweitzer war überzeugt: «Nur in dem Masse, wie durch den Geist eine Gesinnung des Friedens in den Völkern aufkommt, können die für die Erhaltung des Friedens geschaffenen Institutionen leisten, was von ihnen verlangt und erhofft wird.»
In einem zweiten Teil der Ausstellung wurde Albert Schweitzers Anliegen, die Friedenserziehung, mit den Bildern «Die Blumen des Friedens weitergeben» dargestellt. Die stilisierten Blumenbilder haben persönliche und kunstgeschichtliche Bezüge zu Ferdi­nand Gehr (1896–1996) und zu den Malern der Schule der «Zürcher Konkreten Künstler». Ergänzend zu ihren abstrakten und geometrischen Bildlösungen, Farb- und Formkonzepten habe ich eine Verbindung von rationalen, emotionalen, figurativen und ornamentalen Bildlösungen hergestellt. Inspiration hierzu war eine Kulturreise nach Iran (2008) und eine weitere nach Andalusien. Mit dem Text «Blumen des Friedens» wurde zugleich eine inhaltliche Botschaft integriert.
Im dritten Teil der Ausstellung wurde die Beziehung von Albert Schweitzer zur Schweiz vorgestellt. Die Schweizer Bevölkerung hat zum Wirken Albert Schweitzers viel beigetragen und wird sich auch weiterhin engagieren. Unser Land leistet als Willensnation mit ihrer direktdemokratischen Staatsform und der bewaffneten Neutralität einen wichtigen Beitrag zum Frieden und zum Schutz der Bevölkerung. Sie ist verpflichtet, sich für die Einhaltung des Völkerrechts, der Genfer Konventionen und die Ideale des Roten Kreuzes einzusetzen.
Die Ausstellung sollte dazu anregen, sich mit Albert Schweitzer und seiner Ethik zu beschäftigen, denn, so Albert Schweizer: «Der grosse Helfer in unserem Bemühen der Rückkehr zur Menschlichkeit ist die Ethik von der Ehrfurcht vor dem Leben.» Er hat seine Lebensphilosophie in einer Predigt 1919, ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in Strassburg wie folgt festgehalten: «Gut ist, Leben erhalten und fördern; schlecht ist: Leben hemmen und zerstören. Sittlich sind wir, wenn wir aus unserem Eigensinn heraustreten, die Fremdheit den anderen Wesen gegenüber ablegen und alles, was sich von ihrem Erleben um uns abspielt, miterleben und mitleiden. In dieser Eigenschaft erst sind wir wahrhaft Menschen; in ihr besitzen wir eine eigene, unverlierbare, fort und fort entwickelbare, sich orientierende Sittlichkeit.»    •

Das erwähnte Schulbuch «Nahrung, Bildung und Gesundheit für alle» kann für Fr. 10.– (plus Porto) über Verlag und Redaktion Zeit-Fragen bestellt werden.

Eine weitere wertvolle Publikation, «Albert Schweitzer – Leben und Wirken. Unterrichts- und Informationsmaterial für Pädagogen», von einer Gruppe Historiker und Pädagogen aus Weimar kann über das Albert-Schweitzer-Komitee e.V., Albert-Schweitzer-Gedenk- und Begegnungsstätte, Kegelplatz 4, D-99423 Weimar, bestellt werden. E-Mail: asgbweimar(at)t-online.de