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Island und die Dämonie des Geldes

Wie eines der reichsten Länder der Welt über Nacht zusammenbrach und was wir daraus lernen können

von Dr. Bruno Bandulet

Als ich im Sommer 2006 nach Island flog, um das Wirtschaftswunder am Polarkreis zu besichtigen und Gespräche mit der Notenbank und Kaupthing, der grössten Privatbank, zu führen, da war es schlicht unvorstellbar, dass diese hochentwickelte Volkswirtschaft im Oktober 2008 innerhalb weniger Tage zusammenbrechen könnte. Gemessen am Brutto­nationaleinkommen pro Kopf war Island damals reicher als die USA, Deutschland oder Grossbritannien. Das Rentensystem war vorbildlich und kapitalgedeckt, der Staat war mit lediglich 27% des Bruttoinlandproduktes (BIP) verschuldet, das Regierungsbudget im Überschuss, die Bonität der Staatsanleihen war AAA (Triple A, höchste Kreditwürdigkeit) und das Steuersystem mit seinen tiefen Sätzen ein Vorbild für ganz Europa.

Island – Labor und Menetekel

Zwar waren schon 2006 mit den hohen Auslandschulden des Privatsektors und dem enormen Leistungsbilanzdefizit (vgl. Gold&Money Intelligence, August/September 2006) Risiken und Schattenseiten erkennbar, aber es mussten in den darauffolgenden zwei Jahren gravierende Faktoren hinzukommen, damit das Finanz- und Wirtschaftssystem kollabieren konnte. Im Schicksalsjahr 2008 wurde das kleine Island zum Labor und zum Menetekel für das gesamte, auf ungedecktes Kunstgeld gestützte westliche System. Und es stellt sich die Frage, ob etwas Ähnliches in Zukunft auch anderen Nationen widerfahren könnte. Dabei hatten sich die drei grossen isländischen Privatbanken weder an der Dotcom-Blase beteiligt, die 2000 geplatzt war, noch hatten sie in die Immobilien-Schrottpapiere und Verbriefungen investiert, die 2008 für den Crash in Europa und Amerika verantwortlich waren. In einer Aufstellung der Managementberatung Arthur D. Little über die effizientesten Banken Europas lag Kaupthing noch 2006 auf Platz 2. Und noch am 5. Dezember 2007 schrieb die UBS über dieselben Geldhäuser, die 2008 untergehen würden: «Die Banken werden gut geführt und können eine Erfolgsbilanz als clevere Investoren vorweisen.»
Wie immer in solchen Fällen beruht die Katastrophe auf einer Kombination von Fremd- und Eigenverschulden. Kaupthing und die anderen hatten in Skandinavien und Grossbritannien so viel an Unternehmensbeteiligungen (natürlich auf Pump) zusammengekauft, dass ihre Aktiva schliesslich vor dem Kollaps auf 200 Milliarden Dollar bzw. das Elffache des isländischen Bruttoinlandproduktes angestiegen waren. Die Relation war ähnlich hoch wie die in der Schweiz – allerdings mit zwei gravierenden Unterschieden: Erstens bestanden mehr als zwei Drittel der Schulden, die der isländische Privatsektor (nicht die Regierung!) angehäuft hatte, aus Fremdwährungen; und zweitens fehlte, als es ernst wurde, ein «lender of last resort», d.h. eine Zentralbank, die den Kreditgeber der letzten Instanz spielen konnte. Der Zentralbank (der Sedlabanki) fehlte es 2008 an den nötigen Devisenreserven. Sie konnte schliess­lich keine Dollars und Euros drucken, allenfalls Isländische Kronen, aber die wurden zur Zurückzahlung von Auslandschulden natürlich nicht akzeptiert. Erste Erkenntnis also: Wenn sich eine Nation ein hohes Leistungsbilanzdefizit leistet und sich damit massiv im Ausland verschuldet (was bekanntlich auch auf die USA zutrifft), sollte sie zugleich über eine international akzeptierte Währung verfügen, die sie selbst beliebig produzieren kann. Für die USA ist das Spiel demnach erst dann aus, wenn das Ausland keine Dollars mehr akkumulieren will.
Damit ist bereits hinreichend erklärt, warum Island verletzlich und angreifbar war. Aber es stürzte nicht von alleine in den Abgrund, es musste gestossen werden. Und dafür sorgten die angelsächsischen Hedgefonds und auch die Regierung von Gordon Brown, das perfide Albion. Wie das Drama inszeniert wurde, ist Gegenstand eines Buches von Ásgeir Jónsson, Chefvolkswirt der inzwischen verstaatlichten Kaupthing Bank. Das Buch ist gut geschrieben, gut übersetzt und liest sich wie ein Krimi. Der Autor versteht es, auch komplizierte Zusammenhänge verständlich darzustellen.
Interessanterweise klappte es erst beim zweiten Versuch. Die erste Attacke starteten die Hedgefonds im Winter 2005/2006, als die Isländische Krone zum Liebling der Carry Traders anvanciert war, als die Zentralbank der rasanten Geldschöpfung nahezu tatenlos zusah, als Wirtschaft und Börse bereits gefährlich überhitzt waren. Jónsson schildert in seinem Buch sehr anschaulich, wie die Hedgefonds im Rudel jagten, wie der Angriff innerhalb eines informellen Clubs von 50 solcher Fonds (Mitgliedsbeitrag ab 50 000 Dollar aufwärts) ausgetüftelt wurde, wie die Krone und die Bankaktien leerverkauft und wie gleichzeitig mit dem Einsatz von Credit Default Swaps, d.h. Kreditausfallversicherungen, die Baisse geschürt wurde. Ein «Triple Play», bei dem sich der Effekt der drei verschiedenen Instrumente gegenseitig verstärkte. Das funktionierte ein paar Monate lang, bis die isländische Regierung zum Gegenangriff überging, in einem Fall sogar offizielle Beschwerde einlegte und bis US-Haus Morgan Stanley seinen Kunden schliesslich empfahl, jetzt wieder auf die isländischen Bankaktien zu setzen, weil das Land «nicht in einen Zusammenbruch getrieben werden könnte». Ende Mai 2006 war der Spuk – fürs erste – vorbei.
Wie sich dann aber 2008 herausstellte, war die sogenannte «Geysir-Krise» von 2006 nur ein Vorspiel und eine letzte Warnung. Hätten die Banken die Konsequenzen gezogen, dann hätten sie ihre ausländischen Kapitalbeteiligungen immer noch mit «riesigen Gewinnen», so Jónsson, verkaufen können. So aber zeichnete sich das tragische Ende am 31. Januar 2008 ab, als auf Einladung der US-Banken Merrill Lynch und Bear Stearns eine schillernde Gruppe von Hedgefonds-Managern im Hotel 101 in Reykjavik abstieg. Die Unterhaltung wurde zunehmend höhnischer, erinnert sich Jónsson, die Manager prahlten mit ihren Leerverkäufen und zogen weiter in eine Bar, wo der Wein in Strömen floss, bis der erste von ihnen umkippte. Das taktische Vorgehen war dasselbe wie 2006, nur lag die Ironie der Geschichte diesmal darin, dass einige der beteiligten amerikanischen Banken noch vor den isländischen untergingen.
Nachdem Lehmann Brothers im September 2008 pleite gegangen und der Interbankenmarkt zusammengebrochen war, konnten sich die isländischen Institute nicht mehr lange halten. Am 6. Oktober verkündete die Regierung ein Notstandsgesetz, am 7. Oktober wurden Glitnir und Landsbanki verstaatlicht, am 9. Oktober Kaupthing. In den Tagen vor dem ersten Oktoberwochenende erlebte Island einen Bank-Run nach Art der 30er Jahre. Vor den Banken in Reykjavik bildeten sich lange Schlangen von Menschen, die ihre Konten leer räumten, bis nur noch ganz wenige 5000-Kronen-Scheine (die grösste Banknote) übrig waren. Die Regierung liess im Ausland frisches Geld drucken, im Osten der Insel brachen unter den polnischen Gastarbeitern kleinere Aufstände aus, die Lebensmittelgeschäfte waren voll mit Kunden, die Vorräte horteten, und manche, die dem Papiergeld nicht mehr trauten, kauften Luxusgüter wie Bordeaux, Cognac oder Rolex-Uhren. Es war eine Panik, wie sie beinahe auch in Europa und in den USA ausgebrochen wäre, und eine Erinnerung daran, dass die Akzeptanz ungedeckten Papiergeldes ausschliesslich eine Sache des Vertrauens ist.

Ausland: Verweigerte Unterstützung und skandalöse Forderungen

Die Federal Reserve, die Bank of England und die EZB liessen die Isländer im Regen stehen. Nicht nur das, die britische Finanzaufsicht konfiszierte das dortige Einlagengeschäft von Kaupthing und trieb deren Tochter Singer&Friedländer, die noch im September geradezu in Geld geschwommen war, in den Bankrott. Andere isländische Vermögenswerte wurden von der Regierung Brown auf der Grundlage des Antiterrorgesetzes von 2001 eingefroren, und ebenfalls am 8. Oktober liess Premierminister Gordon Brown sogar die Isländische Zentralbank und das isländische Finanzministerium auf dieselbe Terrorliste setzen, auf der bereits al-Kaida und die Taliban standen. Der Ruf Londons als Bastion der Rechtssicherheit ist seitdem schwer angeschlagen. Gordon Brown erklärte das Land gleich auch noch für «bankrott», was heute ebenso wenig stimmt wie damals.
Die Regierung in Reykjavik bedient ihre Schulden nach wie vor, sie sind allerdings im Zuge der Krise explosiv gestiegen und werden aus jetziger Sicht bis 2010 einen Höchststand von 140% des BIP erreichen. Davon entfällt schätzungsweise jeweils die Hälfte auf Isländische Kronen und auf Devisen. Auf Drängen Londons versucht die EU mit brutalem Druck, die isländische Regierung und damit ihre Steuerzahler für die Schulden der Banken in einem Ausmass haftbar zu machen, das kein anderer souveräner Staat akzeptieren würde. Vergleiche mit dem Diktat von Versailles und seinen finanziellen Folgen sind nicht zu weit hergeholt. An den Isländern soll offenbar ein Exempel statuiert werden – eine ganze Generation würde finanziell versklavt.
Unterdessen lässt dank der Kapitalkontrollen der Druck auf die Krone nach. Auf dem Höhepunkt der Katastrophe war sie auf 300 zum Euro gefallen, zuletzt notierte der Kurs onshore (in Island) bei 184 und offshore (in London) bei etwa 220. Während die Wirtschaft noch schrumpft, liegt die Handelsbilanz bereits deutlich im Plus, so dass Island gute Chancen hätte, in absehbarer Zeit wieder auf die Beine zu kommen – sofern sich EU und IWF zu fairen Bedingungen der Schuldenrückzahlung herbeilassen. Warum z.B. sollen die Isländer für die ausländischen Verbindlichkeiten von Landsbanki/IceSave, die sich auf 60% der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes belaufen, aufkommen? Die britischen Forderungen sind skandalös und unmoralisch.
Aber auch im besten Fall wird es einige Jahre dauern, bis sich Wirtschaft und Finanzsystem stabilisiert haben. Die realen Einkommen und damit der Lebensstandard sind eingebrochen, die Arbeitslosigkeit ist auf deutsches Niveau gestiegen. Am härtesten hat es die getroffen, die Geldvermögen besassen. Der Aktienmarkt verlor 95%, an der Börse werden kaum noch inländische Titel gehandelt. Aber auch die realen, d.h. inflationsbereinigten, Hauspreise fielen 2009 um 20%. Nach einer Prognose der Zentralbank werden sie 2010 um weitere 25% verlieren.
Wer als inländischer Privatanleger Unternehmensanleihen hielt, verlor im Zusammenbruch praktisch alles. Wer Geld bei seiner Bank geparkt hatte, verlor nominal nichts, büsste jedoch wegen der zeitweise sehr hohen, inzwischen aber rückläufigen Inflation stark an Kaufkraft ein. Die sicherste Geld­anlage waren inflationsindexierte Anleihen, die sogenannten HFF-Bonds. Auch die Pensionsfonds kamen relativ gut durch die Krise, weil sie ihr Vermögen zur Hälfte in inflationsindexierten Kronen-Anleihen halten (und einen kleineren Teil in ausländischen Aktien). Die mit Abstand beste Anlage wäre Gold gewesen. Aber an den Kauf von Münzen und Barren dachte vor der Krise so gut wie niemand in Island – und jetzt ist Gold auf der Insel wegen der Kapitalkontrollen nicht zu bekommen, auch wenn der Besitz nicht verboten wurde. Wer in Westeuropa für die kommenden Jahre mit dem schlimmsten rechnet, sollte den Fall Island studieren. Es lässt sich eine Reihe von nützlichen Lehren daraus ziehen.
Und die Hedgefonds? Nachdem sie mit dem Leerkauf der Krone und der Bankaktien satt verdient hatten, drehten sie ihre ­Position auf dem Höhepunkt der Katastrophe, kauften für Pfennigbeträge Bankanleihen und konnten damit ihren Einsatz versechsfachen. Sobald die insolventen Banken abgewickelt sind, werden sie in den Besitz der ausländischen Gläubiger, d.h. der Anleihenbesitzer, übergegangen sein. Einer gewinnt immer. Die Isländer selbst rücken zusammen, kaufen einheimische statt ausländische Produkte, lesen mehr Bücher als jemals zuvor und beantworten den Zusammenbruch mit einem ganz erstaunlichen Babyboom. So reagiert ein Volk, das trotz allem an seine Zukunft glaubt. •

Quelle: Gold & Money Intelligence. Bandulet Verlag GmbH, Kurhausstr. 12, D-97688 Bad Kissingen. (Telefon: +49-(0)971-682 57 Fax: +49-(0)971-690 56. www.bandulet.de