Eine würdige, selbstbestimmte Zukunft in der Gegenwart ins Auge fassen

Die Geheimbotschaften von General de Gaulle im Zweiten Weltkrieg – eine aufrechte Haltung zwischen allen Machtblöcken

von Tobias Salander

Anzuzeigen ist eine Neuerscheinung von Jean-Pierre Guéno und Gérard Lhéritier mit dem Titel «Les Messages secrets du général de Gaulle. Londres 1940–1942». Zum ersten Mal werden hier der interessierten Öffentlichkeit als Faksimile und in transkribierter Form die geheimen Botschaften von General de Gaulle an seine Generäle im ehemaligen französischen Kolonialreich zur Verfügung gestellt. Während das Heimatland von der Wehrmacht besiegt darnieder lag, formierte Charles de Gaulle von London aus den Widerstand des «Freien Frankreichs» im Nahen Osten und Nordafrika. Der grösste Teil der Botschaften wurde von de Gaulle eigenhändig niedergeschrieben, dann kodiert und an die Befehlshaber telegraphiert. Mehr als 70 Jahre lang blieben die Texte in Gewahrsam seiner Sekretärin, bevor sie von Gérard Lhéritier wiederentdeckt und vom Musée des Lettres et Manuscrits erworben wurden. Die Dokumente legen beredtes Zeugnis ab vom Umstand, dass das Schicksal Frankreichs im Zweiten Weltkrieg sich grösstenteils in jenen Ländern entschied, die heute unter dem Stichwort «Arabellionen» wieder in aller Munde sind. Bemerkenswert auch: Es waren 70 Prozent Einheimische, welche in Tunesien, ­Marokko, Algerien, Senegal und Libanon, Syrien und Libyen unter der Führung französischer Offiziere und Generäle gegen die Wehrmacht und für das «Freie Frankreich» kämpften.
Bei der Lektüre der Dokumente erhält man ein eindrückliches Charakterbild eines Mannes, der in schier auswegloser Situation voller Enschlossenheit für die Freiheit und Unabhängigkeit seines Vaterlandes alles zu geben bereit war. Sein unbeugsamer Wille, seine Geradlinigkeit und Unbeirrbarkeit, sein Mut und sein Kampfgeist nötigen uns Nachgeborenen den grössten Respekt ab. Insbesondere auch in einer Zeit der Krisen, in einer Welt, die jederzeit in den Abgrund gerissen werden kann, wenn die Finanzmärkte es erzwingen wollten – und die Bürger nicht energisch dagegen antreten. In dieser unserer Zeit, in der das Projekt EU auf dem Prüfstand steht, sich weiter Richtung Zentralismus und feudalabsolutistische Bürgerferne zu entwickeln oder sich am Modell eines Europas der souveränen, freundschaftlich miteinander verbundenen Vaterländer zu orientieren, sind die Botschaften des Vorkämpfers eines Europas der Vaterländer unschätzbar, richten sie doch innerlich auf und geben Mut, all den Fährnissen zu trotzen und mit Würde durch die Krise zu schreiten – ohne die Freiheit für ein Linsengericht zu verkaufen.
De Gaulle hatte die schwierige Situation, Bündnispartner zu suchen, ohne sich ihnen aber auszuliefern. Der Begleittext zu den Dokumenten von Guéno und Lhéritier bringt die Situation, in welcher sich de Gaulle befand, wie folgt auf den Punkt: Von 1941/42 an planten die USA nach dem Niederringen der Wehrmacht Frankreich zum Protektorat zu machen, so wie sie dies mit Italien, Deutschland und Japan planten und dann auch ausführten. AMGOT, das Allied Military Government of Occupied Territories, hätte dann die Franzosen dem American way of life und der US-Wirtschaft unterworfen. Damit wäre jegliche Souveränität verlorengegangen, darunter auch das Recht, Geld zu drucken. Guéno und Lhéritier betonen weiter, dass dies auch der Grund gewesen sei, wieso die USA gleichzeitig eine Art von Obstruktionspolitik gegenüber de Gaulle fuhren, spätestens dann, als de Gaulles Ausstrahlung die Resistance zu einen begann, und zugleich eine Art Verständigungspolitik mit dem Regime von Vichy betrieben. Das Vichy-Regime als Nazi-Marionettenregierung, so die beiden französischen Autoren, habe sich in den Augen der USA dadurch ausgezeichnet, dass es besser zu manipulieren sei als eine demokratisch breit abgestützte Regierung. Die USA hätten mit anderen Worten ein amerikanisches Vichy «ohne Vichy» bevorzugt. Und dies hätte auch Unterstützung von französischen Ultraliberalen erhalten, die in der Zwischenkriegszeit unter der Volksfrontregierung in Frankreich um ihre Privilegien gebangt hatten. De Gaulle hatte also die äusserst komplexe Situation, zwar mit den USA zusammen, aber doch ohne von der westlichen Vormacht vereinnahmt zu werden, gegen die Wehrmacht zu bestehen. Dass er dabei auch mit dem anderen Partner der später so genannten Strange Alliance zwischen den USA und der UdSSR, in deren Schoss schon der kommende kalte Krieg glomm, der Sowjetunion unter Stalin Kontakt aufnahm, zeigen die Dokumente im Band in anschaulicher Art und Weise. De Gaulle sah ganz klar, und dies hat auch Jean-Rodolphe von Salis (vgl. Zeit-­Fragen, Nr. 41 vom 10.10.2011) herausgearbeitet, dass auf der eurasischen Landmasse das russische Volk der ideale Partner für Europa sei. Weil eben jenseits von Ideologien und gerade herrschenden Systemen geopolitische Überlegungen immer wieder die Politik der Völker mitbestimmten – ein Punkt, den schon Mackinder und in seinem Gefolge Zbigniew Brzezinski betonten, wenn auch, anders als de Gaulle, mit einer scharfen Spitze gegen das russische Volk. De Gaulle hatte keine Berührungsängste gegenüber der Sowjetunion, was die nebenstehend abgedruckte Botschaft bezeugt. Jenseits von Ideologie und Macht­apparat sah de Gaulle die Menschen immer als Brüder und Mitmenschen. So auch seine tiefe Betroffenheit angesichts der bombardierten Städte Süddeutschlands – ganz anders als etwa angelsächsische Politiker und Ideologen, die wegen ihrer fragwürdigen Wotan-Gen-Theorie die Deutschen nur als Masse sahen und eine Politik der Härte verfolgten.
Dem sorgfältig illustrierten Buch ist eine grosse Verbreitung zu wünschen und gerne auch eine baldige Übersetzung in andere Sprachen, damit die heutigen Europäer sich von allfälligen Denkhemmungen befreien mögen, was unseren grossen östlichen Nachbarn betrifft. De Gaulle hat es uns vorgemacht, dass Europäer die eigenen Angelegenheiten am besten selber regeln können, ohne Einmischung einer transatlantischen Hypermacht, welche selbst vor Bergen von Problemen steht und alle Kraft dafür einsetzen sollte, den eigenen Bürgern ein menschenwürdiges Dasein zu gewähren – bei derzeit an die 50 Millionen US-Bürgern, die von Lebensmittelkarten abhängig sind, wahrlich eine Herkulesarbeit, die vollen Einsatzes bedürfte.
De Gaulle schlug ein Europa der Vaterländer vor – warum nicht auch heute wieder? Und dazu eine Welt der Vaterländer statt einer Weltregierung einer kleinen angelsächsisch dominierten Elite?     •