«Mit dem Bologna-Prozess haben wir alles gleichgebügelt»

Interview mit Dr.-Ing. habil. Franz Schmidt

zf. Bildungsabbau und Bildungssteuerung jenseits jeder Vernunft, an allen humanistischen und wissenschaftlichen Kriterien vorbei unter Umgehung demokratischer Strukturen findet nicht nur in der Schweiz statt. Das folgende Gespräch mit Dr.-Ing. habil. Franz Schmidt  – Unternehmer und Privatdozent an der Technischen Universität Ilmenau, Thüringen – wirft ein Licht auf die Auswirkungen von Bologna und Pisa in Deutschland. Ähnliches kann in allen Ländern beobachtet werden, die sich das angloamerikanische Bildungsdiktat haben überstülpen lassen.

Zeit-Fragen: Herr Schmidt, Sie unterrichten an der Technischen Universität in Ilmenau Elektrotechnik; ausserdem sind Sie Unternehmer; Sie leiten die Firma «TechnoTeam für Bildverarbeitung». Das sind zwei interessante, aber auch anspruchsvolle Tätigkeiten, in denen sowohl technische als auch unternehmerische Fähigkeiten gefragt sind.

Franz Schmidt: Ja. Ich habe hier in Ilmenau studiert, habe das Studium 1971 mit dem Diplom abgeschlossen und arbeite seither an der Universität, zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann als Dozent, in Ausbildung und Forschung.
Mit der Wende 1989/90 gab es auch an der Universität einen deutlichen Bruch. Da stand die Frage an: Wie weiter? Wir hatten seit Mitte der 70er Jahre eine gut funktionierende Forschergruppe im Bereich Bildverarbeitung, und wir hatten gute Beziehungen zur Industrie, besonders zu Zeiss Jena, für die wir Forschungsleistungen erbrachten. Die Gruppe drohte auseinanderzufallen, denn während der Jahre 1991 bis 1993 stiegen die Gehälter an der Universität wesentlich langsamer als in der Wirtschaft. Es bestand die Gefahr, dass die jungen Leute in die Industrie oder an andere Universitäten abwanderten, weil sie dort mehr verdienen konnten. Da haben wir uns entschlossen, die Firma zu gründen, zunächst mit null Mitarbeitern. Wir haben die jungen Leute mit Werkverträgen gehalten. Das hat ganz gut geklappt. Irgendwann ist die Firma zum Selbstläufer geworden und gewachsen.

Wie viele Leute beschäftigen Sie heute?

Ab 1. Januar sind es 20.

Was muss man sich als Laie unter «Bildverarbeitung» vorstellen?

Wir haben viele Dinge in der Automatisierungstechnik gemacht. Überall dort, wo man über Bilder Informationen gewinnen kann, zum Beispiel an Automaten, bei denen irgendwelche Behälter abgefüllt werden, Wein- oder Bierflaschen oder sonst was, und wo die Qualität und die Sauberkeit kontrolliert werden müssen, kann man eine Kamera einsetzen und über die Bilddaten mit Hilfe eines Rechners die gewünschten Informationen erhalten.
Oder dann haben wir eine Nische in der Lichtmessung gefunden. Wir vermessen alles, was leuchtet: Lampen und Leuchten an Kraftfahrzeugen und anderswo. Diesen Bereich haben wir zusammen mit dem Fachgebiet Lichttechnik unserer Universität entwickelt. Er macht inzwischen die Hälfte unseres Umsatzes aus. Zum Beispiel im Kraftfahrzeugbereich müssen Scheinwerferleuchten und die ganzen Schalterhinterleuchtungen in der Farbe und in der Helligkeit stimmen. Da haben wir eine relativ lange Wertschöpfungskette: Jemand produziert LEDs, die LEDs baut ein anderer auf eine Leiterplatte, die Leiterplatten werden zu einem Hersteller von Klimageräten geliefert, der baut sie in das Klimagerät ein und liefert dies an den Automobilhersteller, der es dann ins Auto einbaut. An all den Ecken muss gegebenenfalls geprüft werden, ob das Licht, das da rauskommt, richtig ist.
Dann entwickeln und bauen wir auch grosse Geräte, mit denen grosse Leuchten für das Labor, den Wohn- oder Arbeitsbereich oder für die Strassenbeleuchtung vermessen werden. Wir liefern den Herstellern solcher Leuchten weltweit die entsprechenden Geräte und die Messtechnik. Das sind so ein paar Dinge, die wir machen.

Und dann unterrichten Sie noch an der Universität.

An der Universität habe ich eine halbe Stelle für Grundlagen der Elektrotechnik. Zurzeit bin ich auch noch Fachgebietsleiter, da mein Professor in Rente gegangen ist und wir noch keinen Ersatz haben. Das Fach «Grundlagen der Elektrotechnik» müssen alle Ingenieurstudenten absolvieren. Derzeit habe ich 1200 Studenten.

So viele. Ist das nicht eine grosse Belastung für Sie?

Für das Fachgebiet ist es eine teuflische Belastung. Für die Vorlesungen hält sich die Belastung in Grenzen. Ich halte zwei Vorlesungen mit jeweils 600 Studenten; 1200 kriege ich ja nirgends unter. Dann machen wir mit den Seminargruppen Rechenübungen mit ungefähr 30 Leuten; das belastet das Fachgebiet wirklich.
Eine grosse Zahl der Studierenden ist den Anforderungen des Studiums nicht im geringsten gewachsen, und zwar von dem, was sie gelernt haben, nicht und auch von der Einstellung zum Lernen nicht. In Deutschland diskutieren wir mindestens seit 15 Jahren über das Bildungssystem. Jeder – engagierte Eltern, die Lehrer selbst, diejenigen, die Verantwortung in den Schulämtern tragen – jeder ist der Meinung, dass das nicht mehr viel wert ist. Diese Diskussion gibt es seit 15 Jahren; es hat sich aber trotzdem nichts geändert; es ist eher schlimmer geworden.

Vor allem in Ihrem Fachgebiet?

Generell mit der Gymnasialausbildung. Zum Beispiel hat man im Gymnasium die Deutschstunden halbiert. Und das merken wir; ich habe fähige Studenten, die bei mir eine ­Diplomarbeit gemacht haben oder heute eine Masterarbeit schreiben und hervorragende Ergebnisse bringen; aber man kann die Arbeit nicht mehr lesen.

Und wie steht es mit den mathematischen ­Fähigkeiten?

Das ist die andere Geschichte, das sind ja spezifische Dinge. Aber Deutsch ist die Grundlage für alles. Die gymnasiale Ausbildung war mal ein Ausdruck für Hochschulreife und stand für eine humanistische Bildung, die ein breites Spektrum umfasste. Ich hab noch ordentlich Astronomie gehabt oder Biologie; das gehörte einfach zur Allgemeinbildung, wenn ich eine gymnasiale Ausbildung machte, auch wenn ich später nie mehr etwas mit Pflanzen zu tun habe. Mit dem Kurs­system, das wir derzeit fahren, kann man sich frühzeitig spezialisieren, und zwar beliebig, nicht im Sinne des zukünftigen Lebensweges, sondern um eine möglichst gute Abiturnote zu bekommen. Wir fragen die Studenten, die hier ein Ingenieurstudium beginnen, jedesmal, wer von ihnen im Gymnasium Physik abgewählt hat. Da melden sich 30%. Kein Wunder, wenn viele das Ingenieurstudium nicht schaffen und die Hochschule frühzeitig wieder verlassen.

Können Sie sagen, wie viele es etwa sind, die das Studium nicht abschliessen?

Das ist unterschiedlich, teilweise bis zu 50%. Wir hatten in Deutschland in den letzten Jahren generell zu wenig Bewerber auf ein Ingenieurstudium; wir hätten wesentlich mehr ausbilden können, und dazu kommt, das eine Vielzahl der wenigen Bewerber das Studium nicht schafft. Über kurz oder lang wird es hier in Deutschland Riesenärger geben, und zwar von der Industrie. Wir haben jetzt im Moment schon ein Defizit an Ingenieuren, das in die Grössenordnung 100 000 geht. Wenn das so weitergeht, führt das zu einer Deindustrialisierung Deutschlands.
Seit hundert Jahren haben wir eine vernünftige Ausbildung für Techniker, für Fachschulingenieure oder für Ingenieure und ­Diplomingenieure. Mit dem Bologna-Prozess haben wir alles gleichgebügelt. Jetzt haben wir nur noch Bachelor und Master. Wir hatten Technikerschulen, wir hatten Fachhochschulen, die hervorragende Fachhochschulingenieure mit einem deutlichen Praxisbezug ausgebildet haben, und wir hatten Hochschulen und Universitäten, in der alten DDR genauso wie in der Bundesrepublik; bei uns hiessen die Fachhochschulen Ingenieurhochschulen. Die verschiedenen Schulen gibt’s zwar heute auch noch, aber sie machen alle dasselbe: ­Bachelor und Master. Mit diesem Bologna-Prozess haben wir alles gleichgemacht.
Am Anfang hat die Wirtschaft diesen Prozess gefördert, weil sie der Meinung war, Bachelors sind billiger: Wir bekommen Arbeitskräfte, denen wir weniger bezahlen müssen, und das bisschen, was der Diplomingenieur mehr kann, bringen wir denen schon selber bei. Das war mal so die Intention. Geht aber eben nicht auf. Inzwischen hat man begriffen, dass es nicht genügt, vage Kompetenzen zu vermitteln, sondern dass es echtes Fachwissen und Können braucht.
Man hat uns gesagt, mit Bologna würde die Durchlässigkeit erhöht; stimmt aber nicht, die Durchlässigkeit ist schlechter geworden. Früher hatten wir in der Elektrotechnik über zwei Semester intensive Vorlesungen und dann im dritten Semester noch mal eine Ergänzung und ein Praktikum dazu. Dann haben wir nach zwei Jahren eine Prüfung über die Grundlagen der Elektrotechnik gemacht. Wir haben die Studenten damit gezwungen, nach zwei Jahren den kompletten Stoff von vier Semestern noch einmal aufzuarbeiten. Und wenn ich den Stoff in konzentrierter Form wiederhole, bleibt auch ein biss­chen was haften. Diese Dinge haben wir alle abgeschafft. Jetzt haben wir nur noch zwei Semester, und nach jedem Semester gibt’s eine Schein-Klausur und dafür gibt’s Credit Points. Die Studenten müssen eine bestimmte Anzahl von Credit Points einsammeln, damit sie den Bachelor bekommen oder später ihren Master. Und wenn das erste Semester vorbei ist und das zweite Semester losgeht, haben sie alles, was sie im ersten Semester gehabt haben, wieder vergessen. Weil das mit dieser Prüfung ja erledigt ist, muss man sich keinen Kopf mehr darüber machen.

Das Gelernte wird nicht mehr vertieft.

Ja. Wir haben vor ein paar Jahren, als wir in Ilmenau noch eine Diplomausbildung hatten, eine zweistündige Prüfung gemacht, eine Stunde schriftliche Vorbereitung und eine Stunde mündliche Prüfung, wohlverstanden, nach zwei Jahren. Heute gibt es kaum noch mündliche Prüfungen; es fehlt generell die Kontinuität. Nach dem Bachelor muss sich der Student für das Master-Studium wieder neu einschreiben, also neu bewerben. Das ist ein deutlicher Bruch. Viele gehen nach dem Bachelor in die Wirtschaft weg. Die Bachelor-Ausbildung ist aber nicht berufsqualifiziert. Sie ist also nicht vergleichbar mit dem, was früher die Fachhochschulen gemacht haben.
Vielleicht hatte man am Anfang noch Illusionen, aber inzwischen weiss fast jeder, dass es so nicht funktioniert, nur in die Hochschuldirektoren- und die Kultusministerkonferenz führt noch kein Weg. Inzwischen denkt jede Hochschule selbst über Auswege nach:
Wir waren mal so stolz auf unser deutsches Hochschulwesen. Man muss ja nicht unbedingt zurückgehen bis zu Humboldt, aber wir haben ja mal was gekonnt. Doch inzwischen gibt es bereits eine ganze Reihe von jungen Kollegen, die nicht mehr wissen, wie das mal war.
Viele wesentliche Dinge, die gesellschaftlich relevant sind, werden derzeit von der wissenschaftlichen Seite überhaupt nicht oder kontraproduktiv behandelt. Das betrifft die Pädagogik, das betrifft die Wirtschaftswissenschaften – also, was wir da derzeit an Ideen bekommen, wir steuern ja von einer Krise in die andere. Oder nehmen wir die ­Politikwissenschaften ... Da muss man sagen: Die Gesellschaft ist sehr, sehr krank.

Was muss sich nach Ihrer Meinung in der Ausbildung ändern?

Meines Erachtens ist ein generelles Problem unser Gesellschaft, dass die Freiheit über alles gestellt wird, und zwar die Freiheit von allem möglichen. Dazu gehört auch, dass jeder Lehrer machen kann, was er will, dass niemand ihm sagt, was die Schüler in der zehnten Klasse zum Beispiel in der Mathematik, in der Physik, in Deutsch oder anderen Fächern können müssen. Wie er es macht, ist dann seine Sache, aber das und das und das müssen die Kinder können. Im letzten Semester hatte ich eine Gruppe Studenten, die mitarbeiten wollte. Man sah förmlich, wie die Köpfe qualmten, wenn man eine Aufgabe rechnete, aber sie waren nicht in der Lage, mitzudenken. Das waren Studenten, die intelligent und fleissig sind, aber unendliche Lücken im Wissen haben. Und die Gruppe dieser Studenten hat in den letzten 10 Jahren und nochmal verstärkt in den letzten 5 Jahren zugenommen. Auch die Lehrer an den Gymnasien sind verzweifelt.
Ein anderer Punkt ist die Betreuung an den Hochschulen. An unserer Uni, in unserer Fakultät diskutieren wir derzeit, wie wir zu einem vernünftigen Betreuungssystem zurückkehren können. Wir machen momentan mit einer Seminargruppe einen Modellversuch. Dabei verlängern wir das erste Semester von vornherein um 5 Wochen, um so Studenten, die für den Ingenieurberuf geeignet sind, denen aber die schulischen Voraussetzungen fehlen, einen erfolgreichen Abschluss zu ermöglichen. Dann überlegen wir, wie wir die Studenten wieder frühzeitig an ein Fachgebiet anbinden. Wir haben in der Fakultät für Elektrotechnik eine Reihe von Fachgebieten, eben die Dickströmer und die Dünnströmer, also die Energietechniker und die Nachrichtentechniker usw. Für jede Gruppe von 15 bis 30 Studenten soll ein wissenschaftlicher Mitarbeiter verantwortlich sein. Dieser muss wieder über die Prüfungsleistungen der Studenten informiert werden, damit er merkt, wenn jemand abdriftet. Früher, als ich Seminargruppen betreut habe, wusste ich von jedem die Noten; heute ist das alles streng geheim. Die Studenten müssen verpflichtet werden, in regelmässigen Abständen, meinetwegen alle vier Wochen, an einer Zusammenkunft mit dem Verantwortlichen teilzunehmen. Dort werden die anstehenden Fragen besprochen. Wir haben früher etwa alle vier Wochen eine kleine Seminararbeit geschrieben. An der Zusammenkunft wird gegebenenfalls auch Anleitung gegeben, wie man studiert; das wissen viele heute ja auch nicht. Man treibt ihnen die Zusammenarbeit in der Schule ja gründlich aus. Es gibt zwar Projektarbeiten, aber viele Studenten sind nicht in der Lage, mit anderen zusammenzuarbeiten. Und wenn ich ihnen erkläre, dass es ohne Zusammenarbeit nicht geht, schauen sie mich mit grossen Augen an und wissen überhaupt nicht, was ich will. Nicht dass sie widersprechen oder sonst was, die begreifen einfach nicht, was ich da will. Denen hat offensichtlich die Gesellschaft, die Schule oder weiss ich wer vollkommen ausgetrieben, mit Leuten zusammenzuarbeiten. Das sind nur Individualisten. Gott sei Dank, gibt es auch andere, bei denen die Zusammenarbeit hervorragend klappt. Aber ein deutlicher Prozentsatz, 30 bis 50%, ist nicht in der Lage, vernünftig zu studieren.

Das ist erschreckend. Danke für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.    •