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Zeit-Fragen
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| Zeit-Fragen > 2012 > Nr.25 vom 11.6.2012 > Ein Kick gegen Schrott | [Druckversion] |
«Es ist eine weitverbreitete und modische Sicht, dass die Vereinigten Staaten eine klassisch imperialistische Macht sind. […] Diese Stimmung ist von verschiedenen Menschen auf verschiedene Weise zum Ausdruck gebracht worden, von den Hockey-Fans in Montreal, welche die amerikanische Nationalhymne ausbuhen bis zu den Gymnasiasten in der Schweiz, die nicht als Austauschstudenten in die Vereinigten Staaten kommen wollen.»
Der erfahrene Diplomat Thomas Pickering, zitiert in Nye, Joseph S. Jr.: «Soft Power. The Means to Success in World Politics», New York 2004, S. 127. Ein Kick gegen SchrottPisa und Bologna abräumen / Dem Departement Schneider-Ammann die Kompetenz entziehen / Entscheidungsrechte über Schule und Bildung zurück zu den Kantonen, wo sie verfassungsrechtlich verankert und der direktdemokratischen Kontrolle zugänglich sindvon Sandra Buchser Pisa: Die internationale Gleichschaltung der BildungspolitikDas System Pisa (Programme for International Student Assessment) hat seit 2000 mehrere regelrechte Schockwellen ausgelöst. Dies scheint System zu haben: Wo diese standardisierten Tests zur Anwendung gebracht werden, kommen häufig angebliche gravierende Mängel der Kenntnisse von Schülerinnen und Schülern zum Vorschein. Wie Naomi Klein in ihrem Buch «Die Schockstrategie» herausgearbeitet hat, ebnen solche Schocks jeweils den Weg für tiefgreifende Umwälzungen mit weitreichenden Konsequenzen. So geschehen in der Folge von Pisa: Tausendfach wurde in den Medien die schlechte Nachricht wiederholt, unsere Kinder (und damit unser Schulsystem) hätten angeblich grundlegend versagt. Die Schockmeldung setzte die Verantwortlichen unter grossen Druck, sehr schnell etwas zu unternehmen. Entsprechend zeichneten sich die folgenden «Reformen» durch die «unbedachte und schnelle Übernahme fertiger Lösungskonzepte ohne ausreichende wissenschaftliche und öffentliche Debatte» (Langer, S. 61) aus. Doch woher kommt die Idee, unsere Schulen und Schulsysteme dem Wettbewerb auszusetzen, die so weitreichende Folgen für unsere Schüler und unser gewachsenes Schulsystem hat? Kurz zusammengefasst stammt sie aus den USA, die sie über die OECD in unsere Länder exportiert hat. OECD: USA machen aus Bildungsforum einen BildungsakteurUm dies zu verstehen, soll hier ein kurzer Blick auf die Geschichte der OECD1 (Organisation for Economic Cooperation and Development, also Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) geworfen werden. Die Organisation wurde 1961 als Nachfolgerin der OEEC (Organisation for European Economic Cooperation) gegründet. Diese hatte zum Ziel, nach dem Zweiten Weltkrieg den Marshall-Plan in Europa durchzusetzen. Von Anfang an kamen den USA also eine Vormachtstellung zu. Durch gezieltes Ausüben von Druck in den 1980er Jahren machte sie dann die OECD zu dem, was sie heute ist: einem hochaktiven «Akteur» im Bereich von Bildungsfragen.2 Auf Drängen der USA (unter Präsident Reagan) hat die OECD in den 1990er Jahren die standardisierten Pisa-Tests kreiert. Föderalismus kommt auf die Abschussliste der USADie Bildungshoheit lag jedoch bei den Bundesstaaten, dem Zentralstaat fehlten also die Kompetenzen. Dem «Hindernis» des Föderalismus sollte Abhilfe geschaffen werden durch die Erzeugung von äusserem internationalen Druck. Dazu wurde die Schulqualitätsdebatte «exportiert» und über die OECD auf die internationale Ebene verlagert. Kerstin Martens, Leiterin des Sonderforschungsbereichs 597 «Staatlichkeit im Wandel» der Universiät Bremen, führte Interviews mit OECD-Mitarbeitenden durch und zeichnete diese Entwicklung genau nach: OECD wird von den USA instrumentalisiertDer erwähnte Druck sollte mit Vergleichen der Bildungssysteme auf internationaler Ebene erzeugt werden. Als Instrument war die OECD, bis dahin ein Forum für Bildungsfragen ohne eigene Initiativen, vorgesehen. Sie fasste den Auftrag, Indikatoren zu entwickeln, die einen Vergleich von den sehr unterschiedlichen Bildungssystemen der Länder ermöglichen sollten: … an den staatlichen und demokratischen Institutionen vorbeiMit Hilfe der auf diese Weise instrumentalisierten OECD konnten andere Staaten der Welt mit der Idee der «Bildungsmisere» überzogen werden: Auch sie sollten «merken», dass ihr Bildungssystem schlecht sei und ihre Kinder einen entsprechend niedrigen Lernstand hätten, ganz nach dem Motto: Wenn wir nicht gut sind, dann dürft ihr es auch nicht sein. Fazit: Mit dem «Export» des US-Bildungsnotstands auf die internationale Ebene konnten gleichzeitig zwei Ziele verfolgt werden: Er erlaubte den USA, zum einen die eigene Bildungsmisere zu kaschieren und zum anderen die Bildungspolitik sowohl der US-Bundesstaaten als auch anderer Staaten der Welt mit Hilfe der OECD an den staatlichen und demokratischen Institutionen vorbei massgeblich zu beeinflussen. Pisa: eine «pathologische Fehlentwicklung»/Der Druck der USA nimmt zuDie OECD wehrte sich anfangs gegen die Forderung der USA, Indikatoren zum Vergleich der Bildung der Länder zu entwickeln. Aus guten Gründen: «Aus Besorgnis über einen möglichen Missbrauch, ‹vermieden sie [Mitarbeiter der Bildungsabteilung, die Red.] absichtsvoll alles, was dazu beitragen könnte, Staaten zu gegenseitigen Vergleichen zu animieren›». (Martens/Wolf, S. 166) (Was mit «Missbrauch» gemeint war, wissen wir inzwischen zur Genüge.) 1987 drohten die USA sogar mit dem Austritt aus der Organisation, wenn sie sich weiterhin weigere, ihrer Forderung nachzukommen. «Die Tatsache, dass die USA wenige Jahre zuvor aus der Unesco ausgetreten6 waren, liess erwarten, ‹dass dies nicht nur ein schlechter Scherz war›». (Martens/Wolf, S. 166) Die Drohung zeigte Wirkung: 1988 nahm die OECD die Arbeit auf und startete ein erstes Indikatoren-Projekt (Ines). 1990 wurde die Idee Pisa, d.h. die flächendeckende Erhebung von Daten, geboren. Während fünf Jahren arbeiteten etwa 300 (!) internationale Wissenschaftler an der Vorbereitung der Pisa-Studie. Sie unterstanden dabei praktisch keiner Kontrolle. Ein OECD-Mitarbeiter dazu: «Die Fachleute hatten in der OECD ‹viele Freiräume (…), wesentlich mehr als in der nationalen Administration, weil es im Grunde niemanden gibt, der die Spielräume politisch eingrenzt›». (Martens/Wolf, S. 167) 1995: Die OECD nimmt den Regierungen das Heft aus der Hand1995 wurden nationale Koordinatoren ernannt, die die «Indikatorkultur» in Bildungskreisen verbreiten sollten (Langer, S. 56). Erstaunt nehmen in der Folge Fachkreise zur Kenntnis, dass die OECD-Länder Pisa trotz anfänglicher breiter Skepsis bereits 1997 absegneten. «Unter einsetzendem Peer pressure war die Idee internationaler Vergleichsstudien in nur kurzer Zeit zu einem Standard geworden, dem man sich öffentlich nicht widersetzen konnte». (Martens/Wolf, S. 167) In der Folge nahm die OECD den Regierungen «zunehmend das Heft aus der Hand». Der totalitäre Griff wähnt sich schon dauerhaftWozu sollten diese «international vergleichbaren Standards», also der internationale Vergleich dienen? Offiziell formuliert z. B. das Pisa-Konsortium Deutschland, dass die «Auftraggeber [die teilnehmenden Staaten, d. Red.] empirisch fundiertes Steuerungswissen [erwarten]» (!) (Prenzel, zitiert nach Langer, S. 63). «Steuerungswissen»: Wer bestimmt, wohin das Schiff gesteuert werden soll? Langer formuliert es so: Es sei «den Staaten (…) gelungen, ein dauerhaftes System einzurichten, das die Bildungssysteme nach und nach zur gezielten Zuarbeit im Sinne des Erhalts der politisch-ökonomischen Vormachtstellung bringt». (S. 69) Erhaltenswert ist der momentane Schlamassel in Politik und Wirtschaft beileibe nicht. Es tut also not, in die «Entwicklung» einzugreifen. Denn sie ist ja von Menschen gemacht. Pisa: «Politik nach Gutsherrenart» – keinerlei rechtliche GrundlageEin grosser Teil der Reformen im Bildungsbereich wird mit den Ergebnissen der Pisa-Studien begründet. Doch Pisa gibt keine zuverlässige Auskunft über den Bildungsstand unserer Schüler. Bereits die Tatsache, dass sich die Pisa-Verantwortlichen sehr bedeckt halten (Langer, S. 62), muss hellhörig machen. Es wurden nur ganz wenige Beispiele von Tests veröffentlicht, der Test als Ganzes wurde der breiten öffentlichen, aber auch der wissenschaftlichen Debatte entzogen. Warum wird eine ehrliche und offene Diskussion der Tests verhindert? Was genau wird geprüft? Wie? Auf welchen Grundlagen? All diese Fragen werden von den Verantwortlichen nicht beantwortet. Im Gegenteil: Langer interpretiert die Verweigerungstaktik so, dass handfeste Interessen dahinterstecken, und charakterisiert das «Kommunikationsverhalten» folgendermassen: «(…) wenn man Interessen vertritt und feststehende Ziele verfolgt, dann betreibt man Werbung für ein Produkt, also ständige Wiederholung derselben, möglichst bildhafter Argumente, ohne einen Dialog anzustreben. Vermeiden von Dialog und Übergehen, Herunterspielen oder Diffamieren von Kritik erscheint solchen Akteuren als angemessen, die der Auffassung sind, dass man nicht die Frösche fragen dürfe, wenn man einen Sumpf trockenlegen wolle. Ob eine solche Politik nach Gutsherrenart wenigstens nebenbei noch eine emanzipierte Gesellschaft anstrebt, kann bezweifelt werden» (S. 66). Wir sind den genannten unehrlichen Manövern nicht ausgeliefert, verfügt doch die OECD über «keinerlei rechtlich verbindliche Instrumente, mit denen sie ihren Mitgliedstaaten Entscheidungen aufzwingen könnte» (Martens/Wolf, S. 162). Eine solche Einflussnahme ist weder ehrlich noch demokratisch legitimiert. • Literatur: Langer, Roman: «Warum haben die Pisa gemacht?», in: ders., «Warum tun die das?» Governanceanalysen zum Steuerungshandeln in der Schulentwicklung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2008. 1 Gründungsmitglieder (1961): Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Irland, Island, Italien, Kanada, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien, Schweiz, Türkei, Vereinigte Staaten, Grossbritannien. Später beigetreten sind: Japan, Finnland, Australien, Neuseeland, Mexiko, Tschechien, Südkorea, Ungarn, Polen, Slowakei. Seit 2010 sind auch Chile, Slowenien, Israel und Estland dabei. |
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