Nägel mit Köpfen

Nägel mit Köpfen

Die Nagelfabrik Winterthur – eine Zeugin der schweizerischen Industriekultur

von Eliane Gautschi
Nägel sind in unserem Lebensalltag nützliche kleine Helfer. Kaum je aber fragt man sich, wie diese Drahtstifte, wie sie im Fachjargon heissen, hergestellt werden. Wie viele alte Handwerke ist heute der Beruf des Nagelschmieds mehr oder weniger ausgestorben. Auch in die industrielle Herstellung erhält man nur selten Einblick. Ein Besuch in der Nagelfabrik Winterthur gibt die Möglichkeit, diese handwerkliche und industrielle Tradition kennenzulernen. Gleichzeitig erfährt der Interessierte viel über die Schweizer Industriegeschichte. Gerade die Industriegeschichte der Kleinstadt Winterthur dokumentiert eindrücklich, wie sorgfältig und effizient die Ressourcen unseres Landes von früheren Generationen genutzt wurden. Damit konnte unser Land auch politisch und wirtschaftlich seine Unabhängigkeit bewahren.

Historische und moderne schweizerische Industriekultur

Gegenüber dem Bahnhof Grüze in Winterthur stehen recht unscheinbar die Gebäude der einzigen Nagelfabrik, die es in der Schweiz noch gibt. Sie ist im Besitze des Familienunternehmers H. Gratwohl. Im Jahr 1970 existierten in der Schweiz noch 7 Nagelfabriken. Allmählich schloss eine nach der anderen ihre Tore. Die Produktionsstätten von Nägeln wurden in Länder verlegt, die billig produzieren. In der Nagelfabrik Winterthur, der «Nagli», wie sie kurz genannt wird, werden nach wie vor Nägel hergestellt, und mit ihr ist eine einzigartige Zeugin der schweizerischen Industriekultur erhalten geblieben. Seit 1895 werden hier aus Draht «Stifte mit Schweizer Qualität» produziert. Eine breite Palette von 200 Produkten garantiert heute dem Betrieb das Überleben. Die Gründerfabrik von 1895 blieb bis 2000 weitgehend erhalten. Dann hätte sie für moderne Ausstattungen geräumt werden sollen. Zwischen 2000 und 2004 wurden die historischen Nagelmaschinen unter der Leitung von Dr. Hans-Peter Bärtschi restauriert. Von stillgelegten Nagelfabriken wurden Gebraucht­maschinen übernommen. Auf Initiative seiner Firma Arias-Industriekultur wurde sie bis 2030 unter Denkmalschutz gestellt. Damit ist ein wichtiges Kulturgut erhalten geblieben. Eine Betriebsgruppe von In-Bahn-Mitgliedern führt die Maschinen noch mindestens bis ins Jahr 2015 vor und gibt Interessierten einen spannenden Einblick in die historische und moderne Produktion von Nägeln. Die jeweilige Fortsetzung des Betriebes hängt immer von der Finanzierung ab.

Vom Draht zum Nagel

Es ist ein ohrenbetäubender Lärm in der alten Fabrikhalle der Nagelfabrik. Ein über 100jähriger Stahlgeruch liegt in der Luft. In der Fabrikationshalle von 1895 ist eine teilweise auf dasselbe Jahr zurückgehende Maschineneinrichtung installiert. Es sind horizontale und vertikale Drahtstiftmaschinen, die mit rhythmischen Schlägen die Arbeitsgänge vom Draht zum fertigen Nagel vollziehen. Zwei von einander unabhängige Transmissionssysteme treiben die Maschinen an. Separate Elektromotoren dienen als zentrale Kraftquellen. Eines dieser Systeme treibt heute noch die älteste Maschinengruppe, die fünf vertikalen Stiftschlagmaschinen, an. Die dröhnenden Maschinen von 1895 werden von Lederriemen angetrieben. Zur Maschinerie gehören roboterartige Zuführmechanismen und Federbretter. Das Betreiben der Maschinen ist eine heikle Angelegenheit. Während 65 Jahren war Arthur Paul der Maschinenmeister. Er kannte «seine» Maschinen in allen Details und gab sein Wissen bis ins hohe Alter weiter.
Die Arbeitsschritte bis zur Entstehung eines Nagels sind immer die gleichen. Der Walzdraht wird von den Drahtziehmaschinen auf die erforderliche Dicke gezogen. Dann beginnt die eigentliche Herstellung der Drahtstifte. Bei der horizontalen Schlagmaschine, der «Grossmutter», wird der Draht von einer grossen Rolle durch Richtrollen gezogen und auf diese Weise wieder gerade gemacht.
Das Drahtende wird in Klemmbacken festgehalten und mit einem Hammer zum Nagelkopf gestaucht. Dann wird der Draht (mit dem Nagelkopf voraus) um die endgültige Nagellänge vorgeschoben. Anschliessend schneiden spezielle Messer den Draht durch und formen die typische Diamantspitze. Der fertige Nagel fällt in den Sammelbehälter.
Der Arbeitsprozess ist auch für Laien gut nachvollziehbar und besticht gerade durch seine «Einfachheit», Logik und Transparenz. Bevor die Nägel verpackt werden, müssen sie zu den Putztrommeln befördert und darin mit einem Gemisch aus Petrol und Sägemehl blank poliert werden. Danach stehen sie in den beige braunen Schachteln, verziert mit einem roten Nagel mit Schweizer Kreuz, zum Verkauf bereit.

Hohe Schmiedekunst

Nicht immer wurden Nägel mit Maschinen hergestellt. Mit viel Geschick und Muskelkraft stellten Nagelschmiede bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts eine Vielzahl von verschiedenen Nägeln her. So blühte beispielsweise bis nach dem Zweiten Weltkrieg im aargauischen Sulztal das Nagelschmiede-Handwerk. Zur Hauptsache wurden Schuhnägel für die Armee geschmiedet. Diese Tätigkeit brachte vielen, bis zu 80 Einwohnern, einen willkommenen Haupt- oder Nebenverdienst. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand dieses Handwerk ein rasches Ende. Mit dem Anbruch des Maschinenzeitalters und der Umstellung auf Gummisohlen in der Schweizer Armee waren die handgeschmiedeten Nägel nicht mehr gefragt. Die Nagelschmiede mussten ihren Hammer niederlegen und sich nach einem anderen Verdienst umsehen. Heute ist der Beruf des Nagelschmieds nahezu ausgestorben.
Die Führungen in der «Nagli» geben auch in dieses bald vergessene Handwerk einen Einblick. In einem Nebengebäude ist eine Nagelschmiede eingerichtet. Das Rohmaterial, lange Vierkant-Eisenstäbe aus zähem Eisen, wird an einem Ende in der Esse glühend gemacht. Anschliessend wird dieser Teil auf dem Nagelstock zu einer Spitze geformt und diese nachher in das Loch des Nagel­eisens gesteckt und mit dem Schmiedehammer der Nagelkopf geformt. Schöne Nägel herzustellen braucht viel Geschick und Erfahrung. Nagelschmiede stellten pro Tag etwa 600 bis 800 Nägel her, heute produzieren die modernen Maschinen diese Menge Nägel in einer Minute.

Kulturgut und handwerkliches Können für Kinder und Jugendliche

Viele Kinder und Jugendliche haben heute wenig Zugang zu Handwerksbetrieben und kennen sich in der Herstellung von Alltagsgegenständen kaum aus. Bei den Führungen in der «Nagli» wird deshalb wichtiges Wissen an die nachfolgende Generation weitergegeben. Unter dem Motto «Nageln mit Köpfchen – Von der Fabrik zum Vogelhäuschen» konnten im vergangenen Jahr viele Kinder aus dem Kanton Zürich an einem ausgezeichnet gestalteten und geführten Workshop teilnehmen. Nach dem Rundgang durch die Nagelfabrik lernten sie in einem praktischen Teil viele Tips und Tricks im Umgang mit grossen und kleinen Nägeln. Es wurde geübt, verschiedene Nägel gerade einzuhämmern und mit der Zange wieder herauszuziehen. So konnte die beste Naglerin oder der beste Nagler erkürt werden. Schliesslich wendeten sie ihr neu erworbenes Können beim Bau eines eigenen Vogelhäuschens an. Für die Kinder war dieser Lehrausgang in vielerlei Hinsicht bereichernd: Nebst handwerklichem Geschick und dem Zugang zu einer wichtigen Handwerkstradition konnten sie ihr Wissen über die Industriegeschichte unseres Landes erweitern.    •

Quellen und weiterführende Literatur:
Silvia Tramonti und Sylvia Bärtschi. Die «Nagli» Winterthur – Nägel aus 100-jährigen Maschinen, in: IN-KU 8, September 1993.

Hans-Peter Bärtschi. Industriekultur Band 2: Kanton Zürich. Unterwegs zu 222 Schauplätzen des produktiven Schaffens. 8 Exkursionsrouten, Objekte nach Branchen, über 600 Pläne und Fotos. Rotpunktverlag, Zürich 2009.
www.nagli.ch, www.sulz.ch

Führungen in der «Nagli»

Der Rundgang beinhaltet eine Führung durch die reiche Industriegeschichte der Stadt Winterthur. Immer am ersten Samstag im Monat (Oktober–Mai) finden um 10 Uhr und um 11 Uhr öffentliche Führungen statt. Dauer 1 Stunde. Pro Person Fr. 12.–, Jugendliche Fr. 10.–, Kinder gratis.

Treffpunkt: Schweizerische Nagelfabrik, St. Gallerstrasse 138 (gegenüber Bahnhof Grüze Winterthur)

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